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FILMKOLUME APRIL

Veröffentlicht in FILMKOLUMNE

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Ihr wundert euch sicherlich über eine ganze Seite Kolumne. Was soll ich sagen? Nach der Berlinale hab ich einfach Filmredebedarf.

Der Teddy-Programmführer führte 18 Spielfilme, 13 Dokus und 9 Kurze auf und vermittelte den Eindruck, damit alle queeren Filme der Berlinale abzudecken. Aber es gab einige Überraschungen. So wollte ich „Toast“ nur wegen Helena Bonham Carter sehen. Der Film erzählt die Jugend von Koch-Kolumnist Nigel Slater in den 60ern. Mein Eindruck, dass der Junge schwul dargestellt wurde, bestätigte sich zuletzt. Es ist einer der süßesten, witzigsten Filme, die ich auf der Berlinale sah. Etwas skurril – aber was erwartet man anderes von Helena?

Eine zweite Entdeckung dauerte etwas länger: zuerst stand dieser Typ neben mir, sah mich irgendwie erwartungsvoll an und wir wechselten ein paar Worte. Später sah ich sein signiertes Bild im Berlinale-Palast: Schauspieler Jean-Christophe Folly aus dem Film „Schlafkrankheit“, stand dort. Als ich ihn nochmals traf, erzählte er mir, dass er selbst hetero, aber sein Filmcharakter schwul ist. Zu der Zeit waren aber leider alle Vorführungen seines Films vorbei.

Unter den ‚offiziellen‘ schwulen Filmen gab es mehrere, die einen (eher deutschen?) Trend fortsetzen, der euch vielleicht durch „Solange Du hier bist“ oder „Rückenwind“ bekannt ist: „Stadt Land Fluss“, „Swans“ und „Auf der Suche“ sind kleine Indie-Filme, welche handlungsorientierte Erzählweisen durch Aneinanderreihungen mehr oder weniger stimmungsvoller, aber kommunikationsbehinderter Szenen ersetzen. Das lässt sich mit wenigen Schauspielern und wenig Aufwand kostengünstig produzieren, aber es passiert in diesen Filmen nicht viel und erst recht kaum Spannendes.

Bei „Stadt Land Fluss“, dem Gewinner des Leserpreis der Siegessäule, bekommt man zur zögerlichen Romanze immerhin quasi-dokumentarische Szenen der modernen Landwirtschaft mitgeliefert. Der auf 120 Minuten zerdehnte „Swans“ ist der sprachgestörteste dieser Filme. Seine mangelnde Kommunikation ist genauso nervig wie die unnötige Wichsszene oder gar jene sinnfreie Szene, die nur entworfen wurde, um Werbung für einen Computer zu machen. Auch ein Film mit kleinem Budget will bezahlt werden, oder?

Nach „Rückenwind“ zeigt Jan Krüger in „Auf der Suche“ ein klein wenig mehr Spannungsbogen: eine Mutter (Corinna Harfouch) forscht wegen eines Bauchgefühls nach ihrem verschwundenen Sohn und lässt sogar dessen Exfreund nach Marseille antanzen. Die Geschehnisse und Dialoge entsprechen für mein Empfinden überhaupt nicht dem Verhalten echter Menschen– wo wir wieder bei erwähnten Sprachstörungen wären. Selbst die überraschende Wendung am Ende konnte bei mir nichts mehr herausreißen.

Die transidenten Filme waren wesentlich reizvoller. „Tomboy“, Gewinner des Jury-Teddys, ist ein schön lockerer Jugendfilm. Die 10-jährige, knabenhafte Laure gibt sich bei ihren neuen Spielkameraden als Mikaël aus, spielt mit den Jungs Fußball und küsst ein Mädchen. Doch Laures Spiel, für das sie sich sogar einen Penis aus Knete bastelt, hat ein absehbares, jähes Ende. Die jungen Darsteller sind grandios und sehr natürlich. Die Regisseurin lässt den Zuschauer in die Welt eines Kindes eintauchen und bietet einen Diskurs über Geschlechterrollen, ohne zu werten. Ob aber die Reaktion der Mutter pädagogisch richtig war?

Doku-Teddy-Gewinner „The Ballad of Genesis and Lady Jaye“ beschäftigt sich mit Musikpionier Genesis P-Orridge, der sich zusammen mit Seelengefährtin Lady Jaye in ein Zwitterwesen, ein menschliches Kunstobjekt, verwandelte bzw. umwandeln ließ. Diese Transformation nennen sie Pandrogynität. Der Film ist stilistisch unkonventionell und somit dem Sujet angemessen, aber auch abseits des Mainstreams. Obwohl der Film noch tiefer in die Materie hätte eindringen können, war er doch auf seine Weise faszinierend.

Als Spielfilmmensch habe ich überhaupt überraschend viele Dokus gesehen. In „We Were Here“ geht es darum, wie die schwul-lesbische Szene in San Francisco durch das Aufkommen von AIDS dezimiert wurde, aber auch enger zusammen gerückt ist. Das hat mich sehr berührt.

Auch Rosa von Praunheims „Die Jungs vom Bahnhof Zoo“ hat mich bewegt. Zwar ist er nicht hübsch gefilmt und man muss sich durch die ersten, etwas lahmen 20 Minuten kämpfen. Aber danach sind die mutigen und offenherzigen Bekenntnisse von Strichern, Missbrauchten und bekennenden Freiern ein echter Tritt in die Magengrube. Hut ab!

Am tiefsten beeindruckt – oder mitgenommen – hat mich jedoch der belgische Thriller „Rundskop“. Es ist die Geschichte eines Mannes, der in die Tierzuchthormonmafia verstrickt ist und selbst nur durch künstliche Hormone zum Mann wurde – oder eigentlich eher zum Tier. Noch nie habe ich mich bei der Darstellung von physischer Gewalt, die gar nicht direkt gezeigt wird, unwohler gefühlt. Trotz einiger Schwächen ist die teils in Rückblenden erzählte Geschichte fesselnd. Nicht zuletzt, weil die Leistungen von Hauptdarsteller Matthias Schoenaerts als ‚Stierkopf‘ wie auch von Jeroen Perceval, der den schwulen Kindheitsfreund spielt, phänomenal sind.

Ich hoffe, ihr werdet in den nächsten Monaten die Gelegenheit finden, euch selbst eine Meinung zu bilden. Möglicherweise ist ja euer Filmgeschmack gegensätzlich zu meinem, aber das weiß man immer erst hinterher...
Euer Martin ( Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! )
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